Vertreterversammlung 2015

25. Juni 2015

Marl. Vertreterversammlung der Volksbank Marl-Recklinghausen: Geschäfte vor Ort laufen gut, aber Niedrigzins und EU-Politik sorgen für ein schwieriges Umfeld/Genossenschaftsinstitut modernisiert und strafft Filialnetz

Zufriedenheit mit dem Geschäft vor Ort, Zuversicht bei den Investitionen in die Zukunft und Kritik in Richtung Brüssel: Die Vertreterversammlung der Volksbank Marl-Recklinghausen erlebte die große Bandbreite der genossenschaftlichen Gefühlswelt am Donnerstag hautnah mit: In der Marler Vesthalle berichtete Vorstandsvorsitzender Olaf Kilimann vor 82 Mitgliedervertretern, dass Markt und Politik das Gemeinschaftsunternehmen vor große Herausforderungen stellten: „Ehe ich mich dem Angenehmen widme – unserer Situation am Markt – möchte ich das schwierige politische
Umfeld aufgreifen. Das ist nicht nur deshalb wichtig, weil wir als Genossenschaftsbank  Wettbewerbsnachteile erleben müssen. Sondern vor allem, weil unsere mittelständische
Struktur in Deutschland, weil unsere soziale Marktwirtschaft und weil am Ende die Akzeptanz unseres europäischen Systems gefährdet ist.“

Olaf Kilimann (Vorstandsvorsitzender)

Kilimann sagte, dass die neue EU-Kommission 2014 mit dem Ziel angetreten sei, das mittelständische Unternehmertum zu stärken. Dabei wurde betont, dass die schlechte Finanzierungssituation des Mittelstands in vielen europäischen Ländern verbessert werden muss: „In diesem Punkt hat die EU-Kommission meine volle Zustimmung. Doch auf den Gedanken, dass mittelständische, regionale Unternehmen am besten durch mittelständisch aufgestellte, regionale Banken bedient werden, kommt die EU leider nicht“, so der Vorstandsvorsitzende: „Ich frage mich, warum wird nicht nach einem Weg geschaut, das deutsche Drei-Säulen-System zu etablieren? Das wäre aus meiner Sicht der beste Weg, die Finanzierung der europäischen Wirtschaft zu sichern.“

Stattdessen müssten Regionalbanken die gleichen hohen technischen Anforderungen bei der Aufsicht erfüllen wie Großbanken, zum Beispiel immer wieder neue, oft hunderte Seiten lange Anweisungen auf Englisch. Und: „Es droht eine weitere Lawine an zusätzlicher und unnötiger Bürokratie.“ Noch gefährlicher wären aber aufsichtliche Fehlentscheidungen, da es einer europäischen Zentralbehörde schwer fallen werde, die Besonderheiten regionaler und landestypischer Bankenstrukturen in sämtlichen teilnehmenden europäischen Ländern zu beurteilen.

Gruppenfoto
von links Andreas Geilmann-Ebbert (Vorstand), Johannes Oeldemann (Aufsichtsratsvorsitzender), Karl-Jürgen Fromme (Aufsichtsrat), Dr. Axel Gros (Aufsichtsrat) und Olaf Kilimann (Vorstandsvorsitzender)
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Niedrigzinsphase: Von der Kehrseite der Medaille

Ein anderes Thema, das die Volksbank, ihre Mitglieder und Kunden beschäftigt, ist die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Mehrmals senkte die Bank in 2014 den Leitzins, um in erster Linie die europäische Konjunktur zu beleben. Natürlich würden Wirtschaft und Privatleute vom niedrigen Zinsniveau profitieren, und zwar bei der Finanzierung von Investitionen und Wohnimmobilien. „Aber die Medaille hat eine Kehrseite“, sagte Kilimann: „Wohin mit dem Geld? Das fragen sich im Moment viele Sparer. Die Zinsen auf klassische Spareinlagen sind auf einem historischen Tiefststand, und ein Ende der Niedrigzinsphase ist nicht in Sicht.“ Dabei müssten die Deutschen mehr sparen als sie es im Moment tun. Denn die Menschen leben immer länger, aber die gesetzliche Rente leistet immer weniger. Mit genossenschaftlicher Beratung gehe es jetzt darum, gemeinsam mit Mitgliedern und Kunden den richtigen Mix aus Geldanlagen zu erarbeiten: „Dazu gehören Tages- oder Termingeld, das Sparbuch, aber auch Sondersparformen, Fonds oder Anlagen, die staatlich gefördert werden, wie zum Beispiel Bausparverträge oder Riester-Verträge.“

Auch das Geschäft der Volksbank werde durch die Niedrigzinspolitik belastet: „Die Zinsspanne, unsere wichtigste Ertragssäule, schmilzt langsam dahin. Trotzdem planen wir weiterhin keine negativen Zinssätze für Einlagen unserer Privatkunden.“ Ohnehin habe sich das Genossenschaftsinstitut gut am Markt behauptet. Die Bilanzsumme stieg moderat
um rund 13 Millionen Euro auf jetzt 1,022 Milliarden Euro.

Wachstum bei Kundengeldern und Kundenforderungen

Diese Entwicklung wurde vor allem von Kundengeldern und Kundenforderungen getragen, um die sich 192 Volksbank-Mitarbeiter kümmern, darunter 17 Auszubildende. Die Kundenforderungen sind im Vergleich zum Vorjahr um 37,3 Millionen Euro auf 537,4 Millionen Euro gestiegen. Dies entspricht einem Wachstum von 7,5 Prozent. „Unser angepeiltes Wachstumsziel konnten wir damit deutlich übertreffen“, so der Vorstandsvorsitzende: „Wir haben in Erfüllung unseres genossenschaftlichen Förderauftrags alle vertretbaren Finanzierungswünsche erfüllt, damit unseren Beitrag zur  Stabilisierung der lokalen und regionalen Wirtschaftsstruktur geleistet und mit diesen Neukrediten ganz konkret Arbeitsplätze gesichert und neue geschaffen.“

Auch auf der Einlagenseite arbeite die Volksbank erfolgreich, sagte Kilimann. Das von Mitgliedern und Kunden eingebrachte Sparvermögen wuchs um 4,1 Prozent auf 815,4 Millionen Euro. Die klare Tendenz der Kunden gehe hier in Richtung kurzfristiges Parken von Geldern und Hoffen auf bessere Zeiten: „Ob diese denn auf der Zinsseite so bald kommen, da sind berechtigte Zweifel angebracht.“ Im Wertpapiergeschäft und bei der Vermittlung von Krediten und Versicherungen verzeichnete die Volksbank steigende Erträge. Bausparverträge wurden mit einem Volumen von 31,2 Millionen Euro abgeschlossen, Lebensversicherungen mit einer Beitragssumme von 6,8 Millionen Euro. Im Privatkundengeschäft wurde der Überziehungszins abgeschafft.

Die Ertragslage in 2014 sei noch stabil, resümierte der Vorstandsvorsitzende: „Trotz Niedrigzinsumfeld stieg der Zinsüberschuss leicht auf 23 Millionen Euro. Im Provisionsüberschuss verzeichneten wir einen Zuwachs auf 6,5 Millionen Euro. Allerdings stiegen auch die Kosten.“ Die Personalaufwendungen beliefen sich auf 13,5 Millionen Euro, die anderen Verwaltungsaufwendungen auf 6,8 Millionen Euro.

Das Ergebnis aus der normalen Geschäftstätigkeit liegt leicht über dem Vorjahr. Der Steueraufwand beläuft sich auf 2,7 Millionen Euro, der Jahresüberschuss auf 3,5 Millionen Euro. „Dieser Jahresüberschuss ermöglicht uns erneut, unser Eigenkapital zu stärken“, erläuterte Kilimann: „Die Anforderungen der Aufsicht steigen in diesem Bereich stetig. Wir sind froh, dass wir eine solide Eigenkapitalausstattung haben, müssen diese im Hinblick auf zukünftige Wachstumsanforderungen aber stetig weiter steigern.“ Die Vertreterversammlung folgte dieser Ansicht einstimmig und beschloss zudem eine Dividende von fünf Prozent.

„Modernisieren, aber auch straffen und konzentrieren“: die Filialpolitik der Volksbank

Zum Schluss seines Vorstandsberichtes ging Kilimann auf die aktuelle Filialpolitik der Volksbank ein und startete mit dem Neubau in Hüls, „unserem derzeit spannendsten und arbeitsintensivsten Projekt“. Nach der Ankündigung in der Vertreterversammlung 2014 habe man die Planung des Vorhabens vorangetrieben und den Altbau ausgeräumt: „Eine Vielzahl von Umzügen mussten wir vor allem unseren Mitarbeitern zumuten, die in mehreren unserer Immobilien nunmehr im Marler und Recklinghäuser Stadtgebiet verteilt sind.“ Der Antrag auf Abbruch des Altgebäudes und der Bauantrag für die neue Immobilie wurden inzwischen von der Stadt Marl dankenswerterweise unbürokratisch und zügig bearbeitet und genehmigt.

Anfang des Jahres wurde mit der Entkernung begonnen, seit dem 8. Juni wird abgebrochen: „Nunmehr steht uns wahrscheinlich eine rund zweijährige Bauzeit bevor, die für uns alle – Mitarbeiter, Kunden und Anwohner – viel Lärm, Staub und Verkehrsbeeinträchtigung bedeutet. Wir bitten um Ihr Verständnis, leider geht es nicht ganz ohne diese Nebenwirkungen.
Wir versuchen, sie so erträglich wie möglich zu halten.“

Kilimann kündigte an, das Geschäftsstellennetz stetig weiter zu modernisieren, aber auch zu straffen und zu konzentrieren. Dazu gehöre die kritische Überprüfung und Optimierung bestehender alteingesessener Standorte, aber auch gegebenenfalls eine Erweiterung des Serviceangebotes. So sei im September 2014 ein neuer Geldautomaten-Standort im Palais Vest in Recklinghausen eröffnet worden. Auch die Zweigstelle in der Waldsiedlung ging in neuen Räumlichkeiten wieder ans Netz. Ab August 2015 wird die Geschäftsstelle Sinsen aufgrund der dort stark nachlassenden Kundennachfrage mit reduzierten Öffnungszeiten betrieben. Zudem
befasst sich die Volksbank mit dem Projekt „Geld nach Hause Service“ – eine Dienstleistung, die vor allem den Wünschen älterer Kunden entgegenkommen soll.

Wahlen zum Aufsichtsrat

Als langjähriges Mitglied des Aufsichtsrates freute sich Karl-Jürgen Fromme über seine Wiederwahl und eine weitere Amtszeit. Als neues Aufsichtsratsmitglied wurde einstimmig der in Marl lebende Dr. Axel Gros gewählt. Dieser tritt die Nachfolge des bereits im Oktober ausgeschiedenen Recklinghäuser Bürgermeisters Christoph Tesche an.